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Montag, 04.09.2017

«Tabuala rasa» mit dem Beck-Bertschi-Haus?

Text: Eing., Bild: Archiv KiD Kultur in Dürrenäsch

Liebe Einwohnerinnen und Einwohner von Dürrenäsch
Zweifellos soll unser Dorf eine gute, intakte und attraktive Schule mit entsprechender Infrastruktur anbieten können, das ist unbestritten und für die Zukunft einer Gemeinde bedeutsam. Erlaubt sei hierbei aber die Frage: Muss dies auf Kosten eines massiven Eingriffs ins Dorfkernbild geschehen? Die Erläuterungen des Gemeinderates zur Urnenabstimmung sind gleichzusetzen mit «Tabula rasa» für das Beck-Bertschi-Haus. «Tabula rasa» bedeutet: Radikal und unnachsichtig, Ordnung oder Klarheit ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzen und das Beck-Bertschi-Haus eliminieren. Will oder kann sich unser Dorf das leisten?


Als langjähriges Mitglied der Heimatschutzkommission und als ehemaliger Präsident der Kulturkommission KiD Dürrenäsch erlebte ich anlässlich verschiedener Veranstaltungen u.a. zur Geschichte unseres Dorfes immer wieder, wie sich viele Einwohnerinnen und Einwohner erstaunt, ja entsetzt zeigten, wie sorglos und unachtsam, ja respektlos zu Gunsten eines Pseudo-Modernismus in unserm Dorf mit altehrwürdigen, prägenden Bauten umgegangen wurde. Viele bedauern und finden es beschämend, was wir in den 1950er und 60er Jahren in unserem Dorf niedergerissen haben. Die Postkarte oben zeigt, zugegeben, eine etwas überzeichnete Harmonie unseres Dorfkerns um 1900. Aus dieser Epoche und an dieser Stelle stehen jetzt nur noch das Beck-Bertschi-Haus und das Schulhaus als Zeitzeugen. Selbstverständlich bringen andere Bedürfnisse und Erneuerungen grössere Veränderungen und Verluste mit sich. Aber die Ansicht verdeutlicht, was wir an spezieller Bausubstanz aus dieser Zeit verloren und durch fragwürdige Bauten ersetzt haben.

Wieder stehen wir vor einem weiteren, tatsächlich wegweisenden Eingriff und treffen möglicherweise nochmals ähnlich fatale Entscheidungen, wie in früheren Jahren: Wir reissen einfach ab! Einzelne Kriterien dafür sind nachvollziehbar, aber, wenn das Beck-Bertschi-Haus «wegradiert» wird, verliert unser Dorf eines seiner letzten markanten, historisch und architektonisch würdigen Gebäude im Dorfkern. Dem relativ gut situierten Dürrenäsch würden «Architekturzeugen» aus früherer Zeit im Zentrum gut anstehen, andere, weniger gut betuchte Gemeinden könnten uns diesbezüglich als Vorbild dienen.

Aus meiner Sicht ist es auch bedauerlich, dass der Gemeinderat, gemäss seinen Erläuterungen zur Urnenabstimmung, offensichtlich schnell handeln möchte, u.a. weil mit der Totalrevision der Nutzungsplanung das Haus, gemäss Bauinventar der Denkmalpflege, als kommunales Gebäude mit Substanzschutz festgesetzt werden soll, d.h. dass das Beck-Bertschi-Haus zukünftig nicht mehr zurückgebaut/abgerissen werden darf. Für mich ist es nachvollziehbar, aber unverständlich, dass der Gemeinderat möglicherweise auch aus diesem Grund überstürzt handeln will, ohne vorher integrative Gesamtlösungen zu entwickeln und vorzulegen. Erst recht ein weiteres Zeichen, dieses Gebäude zu erhalten und durch intelligente, kreative Planung in ein Gesamtkonzept Schulraum zu integrieren! Dass sich das Haus in seiner Grundstruktur nicht für die Nutzung von eigentlichen Schulräumen eignet, ist unschwer nachvollziehbar. Aus meiner Sicht gibt es verschiedene Möglichkeiten der Integration von z.B. Konferenzraum / Sitzungszimmer, Bibliothek, Planungsraum für Lehrpersonen, Kopierraum, Kleingruppenräume etc. in diesem Gebäude. Ja, vielleicht eignet sich das Beck-Bertschi-Haus mit seinen speziellen Raummöglichkeiten dafür ganz gut. Im Schulhaus würden dadurch neue räumliche Konstellationen gegeben und mit einem Umbau ergäben sich Optimierungen. Selbstverständlich verursacht eine Renovation, resp. eine Umnutzung hohe Kosten, besonders auch deshalb, weil während Jahrzehnten die Gemeinde das Haus dahinvegetieren liess ... Sarkastisch gesehen, könnte man ja das Schulhaus auch noch abreissen, respektive «zurückbauen», dann hätten die Planer freie Hand für einen innovativen Zukunftsbau, nur, wäre dies das Beste für unsere Schuljugend? Ob die Kinder in neuen Räumen besser, optimierter und nachhaltiger lernen würden? Dazu gibt es verschiedene interessante Studien, leider sind darin diesbezüglich keine neuen, revolutionären Erkenntnisse ausgewiesen. Was aber, wenn unsere Schüler/-innen der Primarschule im Rahmen von Optimierungsmassnahmen des Kantons nach der Fertigstellung der Bauten z.B. nach Seon «pilgern» müssten und unser Neubau mit «leeren» Schulräumen bestückt ist? Viele Unsicherheiten, zu wenig differenzierte Planungsunterlagen und Recherchen bilden keine seriöse Grundlage noch rechtfertigen diese einen Rückbau des Beck-Bertschi-Hauses. Eine intakte Schule, gesunde Dorfvereine und eine aufgeschlossene Dorfgemeinschaft sind nicht gekoppelt an die «Eliminierung» des Beck-Bertschi-Hauses. Ich erwarte von Planerinnen und Planern einen etwas respektvolleren, würdigeren und kreativeren Umgang mit letzten Zeugen aus einer früheren Zeit. Auch dazu sind wir für die Zukunft einer nächsten Generation verpflichtet. Gründe genug, dass ich mich für ein klares NEIN an der Urnenabstimmung zum Rückbaukredit von Fr. 70`000.– des Beck-Bertschi-Hauses entschieden habe.

Hermann Graser, ehemaliger Präsident KiD, Kulturkommission Dürrenäsch

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