Drucktermin: 1. Mittwoch des Monats, 06.00 Uhr

Die Bärzeli sind unterwegs

Text und Bild: Eing.

Es ist der 2. Januar, 11 Uhr und es trudeln immer mehr Leute zum Apéro in der Aula des Schulhauses ein. Sie schütteln sich gegenseitig die Hände und wünschen sich «es guets Nöis».

Nachdem sich alle begrüsst haben, fängt der Gemeindeamman mit der Neujahrsrede an. Doch sobald das letzte Wort ausgesprochen ist, wächst in mir die Aufregung: Bald ist es soweit! Doch zuerst wird in der Turnhalle gegessen. Spaghetti Sugo oder Bolognese, wie jedes Jahr. Und wie jedes Jahr werde ich mit jeder Minute nervöser. «Mama, wann kommen die Spaghetti? Ich muss bald gehen!» Und jedes Jahr kommen sie rechtzeitig und werden in wenigen Minuten hinuntergeschlungen. Kaum ausgegessen, springe ich auf und renne ins Feuerwehrlokal, wo mein Kostüm und meine selbstgebastelte Larve, natürlich der Spielchärtler, auf mich wartet. Und schon ist es 13.30 Uhr – Showtime. Ausgerüstet mit Kässeli und Söiblootere rennen wir, die kleinen Bärzeli, auf den Schulhausplatz. Dort und im Dorf treiben wir unser Unwesen, um danach in der Turnhalle, wo unsere Eltern schon auf uns warten, noch ein letztes Mal Vollgas zu geben. Eine stachelige Umarmung für Mama und ein zünftiger Schlag mit der Söiblootere für Papa, denn das soll ja Glück bringen.

Doch viel zu schnell ist die halbe Stunde vergangen und es wird Zeit, den Platz den Grossen zu überlassen. Ich behalte mein Kostüm jedoch immer an, da mir gesagt wurde, dass mir dann nichts passieren könne. Ich habe einen sehr grossen Respekt vor den riesig scheinenden Gestalten, die ihr Unwesen treiben. Die Nervosität, die Anspannung und die wachsende Angst, gemischt mit Neugierde, die ich verspüre, als die Schulglocke 14 Uhr schlägt, bringt mein Herz dazu, immer schneller zu schlagen. Einige Sekunden wird es ganz still auf dem Pausenplatz. Wenige mutige Kinder stehen bei der Treppe, im sicheren Abstand zum Metzghüüsli, jedoch genug nahe, um zu sehen, wann das Tor aufschlägt. Auf einen Schlag wird es laut, ein Lärm von ratternden Rären und das dumpfe Aufschlagen der Söiblootere auf dem Beton. Die zuvor noch so mutigen Kinder springen davon. «Sie kommen!» und tatsächlich, die ersten Gestalten rennen die Treppe hinauf. Ich verstecke mich hinter meiner Mutter, in der Hoffnung, weder gesehen noch getroffen zu werden. Einerseits möchte ich nicht getroffen werden, andererseits möchte ich doch ein bisschen Glück abbekommen. Zusammen mit meinen Freunden jage ich den Gestalten hinterher und zupfe hie und da eine Jasskarte oder ein Hobuspon aus.

Bald ist jedoch der Rundgang durchs Dorf beendet und das Grande Finale in der Turnhalle steht an. Bevor das erste Bärzeli diese betreten hat, habe ich mich schon unter dem Tisch meiner Eltern mit den anderen Kindern in Sicherheit gebracht. Das Geräusch von den Rären und das Geschrei der Zuschauer ist für einen kurzen Moment dumpf und weit entfernt. Doch es dauert nicht lange, bis die grosse Türe aufschnellt und den zuvor noch so dumpfen Lärm hereinlässt. Ein riesen Chaos bricht aus. Ich sehe, wie mein Vater vom Hobuspöönig vom Stuhl auf den Boden gerissen wird. Nun, nicht mehr von Stühlen und Beinen geschützt, flüchte ich auf den obersten Sprossen der Sprossenwand, denn dort kann mich niemand erreichen – denke ich jedenfalls. Denn ein paar Sekunden später klettert schon der Stächpaumig Sprosse für Sprosse zu mir hinauf. Als er jedoch meinen panischen Blick sieht, entscheidet er sich doch, einen Älteren zu jagen. Doch die Aufregung in der Turnhalle ist bald vorbei und die ersten Bärzeli versammeln sich bei der Bühne. Einer nach dem Anderen zieht seine Larve aus. Die ganze Turnhalle bricht in schallenden Beifall aus.

Die Magie des Bärzeli-Tages ist vorbei, die gesichtlosen Gestalten sind aufgedeckt, es ist Zeit nach Hause zu gehen und den Geruch der Söiblootere aus den Kleidern zu waschen.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.