Druckschluss: 1. Mittwoch des Monats, 06.00 Uhr

Muskelfaszien – eine lange unterschätzte Weichteilschicht

Bild: Pixabay

Man muss es sich vorstellen wie eine Orange. Das Fruchtfleisch wird eingehüllt von einer dünnen, zarten Haut, die die einzelnen Dreiecke unterteilt. Alle zusammen werden dann nochmals von einer äusseren weissen Schicht umhüllt, bevor dann die Schale kommt. Genauso verhält es sich mit der Muskulatur. Diese wird umhüllt von sogenannten Faszien, mehr oder weniger straffen Weichteilmänteln, welche die Muskulatur umfassen und ihr Form geben.

Dies ermöglicht ein Gleiten der einzelnen Muskelstränge gegen- und miteinander, zum anderen findet auch ein Ausgleich von Kräften statt, wie es sie bei vielen Bewegungen, v. a. beim aufrechten Gang braucht.

Diese Faszien wurden lange in der Sportmedizin stiefmütterlich behandelt. Man widmete sich mehr der eigentlichen Muskulatur, auch in der Therapie von Sportverletzungen, und liess die Hülle aussen vor. Dies hat sich in den vergangenen Jahren deutlich geändert. Kaum noch Fitnessstudios oder Physiotherapiepraxen, welche ohne Faszientraining arbeiten. Man hat erkannt, dass der Weichheit und der Elastizität der Faszien in der Behandlung eine entscheidende Rolle zukommt.

Lange Jahre ging man beispielsweise davon aus, dass der gemeine «Muskelkater» von einer Übersäuering der Muskulatur herrührt. Später hielt man ihn für eine Folge von kleinen Muskelrissen, heute eher für ein Faszienproblem, hervorgerufen durch eine Verklebung der Hüllschicht mit dem darunter liegenden Muskel. Man muss es sich vorstellen wie in einem zu engen Kleidungsstück. Ziel der Therapie muss also die «Entklebung» der Schichten sein. Die Faszie muss wieder elastisch und gleitfähig gemacht werden, sodass auch die darunter liegende Muskulatur wieder normal arbeiten kann.

Dies lässt sich einerseits durch spezielle physiotherapeutische Techniken bewerkstelligen, andererseits auch durch ein regelmässiges Heimprogramm. Hierzu gibt es auf dem Markt Schaumstoffrollen, bei kleinen Muskeln funktionieren auch sehr gut Tennisbälle, mit denen man die Faszien förmlich «ausrollt».
Diese Übungen sollten ca. 2 bis 3 mal die Woche durchgeführt werden, nicht häufiger. Der Körper braucht eine gewisse Zeit, um die bei der «Entklebung» abgebauten Schlackenstoffe abzutransportieren.

Das Faszientraining ist eine ergänzende Therapieform für den Sportmediziner und Physiotherapeuten. Sicher kein Allheilmittel, wie es manche Publikationen verkaufen möchten. Ist der Hype in ein paar Jahren vorbei, wird eine sinnvolle – wenn wohldosiert – Therapieform bleiben, die bei manchen sportphysiologischen Problemen auch den Durchbruch bringen kann.

 

Dr. med. Michael Kettenring
Facharzt FMH für Chirurgie und Unfallchirurgie

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