Druckschluss: 1. Mittwoch des Monats, 06.00 Uhr

Alfred Leu bei einem kleinen Wahrzeichen des historischen Gebäudes.

Der letzte Posthalter

Text und Bild: Graziella Jämsä

Am 8. Juli wird Alfred Leu 90 Jahre alt. Während sieben Generationen führte seine Familie die Post in der Gemeinde. Rückblick auf den Alltag in seinem Leben.

Alfred Leu hat zahlreiche Fotos und Kopien aus historischen Chroniken vor sich liegen. Schnell kommt er ins Erzählen. Der Vorfahre Jost Leu, geboren 1747 in Hohenrain, zog 1774 nach Schongau. Mit seiner Frau, eine Arnold aus Schlierbach, hatte er 10 Kinder. Der älteste Sohn Xaver wurde 1814 vom Kantonalen Postamt zum ersten Posthalter von Schongau gewählt, also der Vorfahre des heutigen Jubilars. So gehörte diese Poststelle 180 Jahre lang ununterbrochen zur Familie Leu und der 90-jährige Alfred Leu kann auf eine Posthaltergeschichte von 205 Jahren zurückblicken. Was inspirierte ihn, selbst Posthalter zu werden? «Diese Frage hat sich nie gestellt», antwortet Alfred Leu pragmatisch. «Schon als Zehnjähriger habe ich auf der Post mitgearbeitet». Vier Jahre später sei der Vater zur Landesverteidigung eingezogen worden.

«So haben meine Schwester und ich nach der Schule per Velo Briefe ausgetragen.» Auch die «Rössli-Post» sei in dieser Zeit dem Fortschritt des Autos gewichen. 1968 wurde die Poststelle offiziell von Alfred Leu übernommen und bis 1994 geführt. Einer seiner persönlichen Höhepunkte dieser Jahre war das Bestehen der Lastwagenprüfung und die Einführung des Postautokurses Schongau-Gelfingen, den er als selbständiger Postautohalter 42 Jahre lang fuhr. Alfreds Augen strahlen bei der Erinnerung an diese Zeiten. «Ferien gab es keine und ich war nie krank». 

Selbstverständlich hätten sich nach und nach auch Büro- und Schalterarbeit gewandelt. «Rechnungsmaschine, Telex, Telefax», Alfred Leu gerät ins Sinnieren. Wenn man sich überlegt, welch riesige Zettel damals für Kontoauszüge verwendet worden sind.» Er schüttelt schmunzelnd den Kopf, wird aber schnell wieder ernst. «Doch mit zunehmendem Tempo der Technisierung hat der persönliche Kontakt langsam abgenommen.» Die Entwicklung ganzer Schonger Generationen habe er miterlebt. «Früher war eine Postlieferung bis ins Haus normal. Und während der Wintermonate stand dann für den Pöstler immer mal ein Kaffee oder Tee bereit.» Auch ein kleiner Schnaps sei hie und da drin gelegen. «Man hatte noch Zeit, sich zu unterhalten.»

2003 wurde Schongaus Poststelle geschlossen und als Agenturlösung im Volg integriert. Alfred Leu wohnt bis heute in dem geschichtsträchtigen Gebäude. Doch er trauert keiner Zeit nach. Viele Jahre lang war die Imkerei eine seiner Leidenschaften. Und bis heute geniesst er noch die Kameradschaft bei den Schützen. Am Kantonalen Fest im vergangenen Jahr hat er – wie so oft – einen Kranz nach Hause gebracht. «Es hat gut geklappt», kommentiert er diesen Erfolg bescheiden. Seinen 90. Geburtstag will er nicht im grossen Stil feiern. Lieber geht er einem weiteren seiner Hobbies nach: Ausflüge machen. Wohin allerdings verrät er nicht. Doch die Freude auf diesen Geburtstagsanlass ist Alfred Leute heute schon anzusehen.